Frühkindliche Ernährung, Beikost, Übergewicht

Frau hält lachendes Baby hoch und küsst es auf die Wange

Die Phase der ersten 1000 Tage hat generell für die Entwicklung des Kindes eine besondere Bedeutung. In diesem kritischen Zeitfenster wächst der kindliche Organismus in hohem Tempo und die Organsysteme durchlaufen wichtige Differenzierungs- und Entwicklungsprozesse. Während dieser prä- und postnatalen Zeit bis zum 3. Lebensjahr ist der menschliche Organismus noch sehr formbar und anpassungsfähig, aber auch sehr verletzlich. Sowohl durch einen Mangel an wichtigen Nährstoffen als auch durch die exzessive Zufuhr bestimmter Nähr- und Schadstoffe kann er dauerhaft beeinflusst werden. Andererseits besteht aber die Möglichkeit, durch gezielte Intervention in dieser Periode die funktionalen Fähigkeiten des Körpers zu verbessern und so auch Antworten zu schaffen auf neu entstandene gesundheitliche Herausforderungen.

  • Die Ernährung während der ersten Lebensjahre hat einen großen Einfluss auf die Gesundheit des Kindes. Immer deutlicher wird, dass die pränatale und frühkindliche Versorgung auch langfristige Auswirkungen hat.

  • Zahlreiche Forschungen und Studien zeigen, dass die Zeit von der Konzeption bis zum Ende des 2. Lebensjahres sich nicht nur auf Entwicklung und Wachstum auswirkt, sondern offenbar auch Einfluss auf die Gesundheit im Erwachsenenalter haben kann.

  • So erweisen sich etwa erhöhtes Geburtsgewicht oder schnelle Gewichtszunahme in den ersten Lebensmonaten als Risikofaktoren für späteres Übergewicht und die damit verbundenen Herz- oder Stoffwechselerkrankungen. Doch auch der BMI der Mutter oder die Gewichtszunahme in der Schwangerschaft spielen eine Rolle, so das Resultat neuerer Studien.

Frau füttert Baby am Tisch Studien und Metaanalysen zeigen, dass offenbar die Phase von der Zeugung bis zum Ende des 2. Lebensjahres ein besonders wichtiges Zeitfenster bildet, in der die Weichen für eine nachhaltige Entwicklung von Wachstum und Gesundheit gestellt werden. Die Optimierung der Ernährung ist sogar schon vor und während der Schwangerschaft von Bedeutung. In diesem Zeitraum der „ersten 1000 Tage“ erfolgt eine Programmierung, die sowohl Wachstum und Entwicklung des Kindes beeinflusst als auch nachhaltigen Einfluss auf bestimmte Gesundheitsrisiken im Erwachsenenalter hat. In besonderem Maß gilt das für Übergewicht und Adipositas sowie die damit verbundenen, sogenannten Zivilisationskrankheiten. Tatsächlich scheint die Veranlagung für spätere Herzleiden oder Diabetes schon in der frühen Kindheit angelegt zu werden – so die aktuellen Forschungsergebnisse. Auch aus diesem Grund fokussieren sich internationale Ernährungsstudien zunehmend auf den Zeitraum der ersten 1000 Tage und eine mögliche Prävention langfristiger Fehlentwicklungen.

Säuglingsnahrungen

Stillen ist die natürliche Ernährungsform des Säuglings. Wenn nicht oder nicht vollständig gestillt wird, sind industriell hergestellte Säuglingsnahrungen als Muttermilchersatzprodukt für die Ernährung von gesunden Säuglingen (< 12 Monate) die einzige Alternative.

Aktuell ist eine derartige Entwicklung in Hinblick auf den Proteingehalt von Säuglingsnahrungen im Gange. Die Proteinbioverfügbarkeit moderner Proteinmischungen für Säuglingsnahrungen übersteigt die früherer Mischungen.

Aktuelle Studien begründen zudem, dass eine unnötig hohe Proteinzufuhr für Säuglinge später gesundheitliche Nachteile bewirken kann.

Zugabe von LC-PUFA

Muttermilch enthält im Gegensatz zu Kuhmilch langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren (LC-PUFA). Die Zugabe von LC-PUFA wie Docosahexaensäure (DHA) zu Säuglingsnahrungen scheint sich günstig auf die Reifung des kindlichen Sehvermögens auszuwirken. Deshalb sieht der aktuelle Diskussionsentwurf der EFSA für Säuglingsanfangs- und Folgenahrungen 500–1200 mg/100 kcal Linolsäure, 50–100 mg/100 kcal α-Linolensäure und 20–50 mg/100 kcal DHA vor.

Prä- und Pro- und Synbiotika

Unter Probiotika versteht man lebende, nicht pathogene Mikroorganismen, die den Darm kolonisieren und gesundheitsfördernde Effekte bewirken sollen. Als Präbiotika bezeichnet man unverdauliche Nahrungsbestandteile, meist komplexe Kohlenhydrate, die selektiv Wachstum und Aktivität bestimmter Mikroorganismen vorwiegend im Dickdarm fördern und dadurch gesundheitsfördernde Effekte erzielen sollen. Synbiotika meint Produkte, die sowohl Präbiotika als auch Probiotika enthalten.

Beikost

  • Einführung der Beikost nicht vor dem vollendeten 4. Lebensmonat und spätestens nach dem 6. Lebensmonat.

  • Der erhöhte Energiebedarf muss durch Fett, Kohlehydrate und Eiweiß gedeckt werden.

  • Mit der Einführung der Beikost wird für Säuglinge zwischen 6–12 Monaten eine Trinkmenge von 800–1000 ml pro Tag als adäquat beurteilt.

  • Nahrungspräferenzen können durch die Art und Zusammensetzung der Beikost beeinflusst werden. Das wiederholte Anbieten von Lebensmitteln gilt als eines der wichtigsten Elemente bei der Einführung einer vielseitigen Beikost.

  • Versorgung mit Mineralstoffen und Vitaminen durch ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung.

  • Keine Kuhmilch als Getränk im 1. Lebensjahr

Spätestens nach abgeschlossenem 6. Lebensmonat können Muttermilch bzw. Säuglingsanfangsnahrungen den steigenden Nährstoff- und Energiebedarf nicht mehr decken. Die Einführung der Beikost ist notwendig.

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Im Vergleich zu Erwachsenen ist der Energiebedarf pro kg Körpergewicht bei Säuglingen deutlich höher. Damit die benötigte Energiezufuhr trotz der eingeschränkten Lebensmittelaufnahmemenge gewährleistet ist, muss der Fettanteil der Nahrung entsprechend hoch sein. Der Fettanteil der Beikost soll 40% betragen bzw. im Bereich von 35– 45% der Gesamtenergie liegen.

Wichtig ist die ausreichende Zufuhr der langkettigen essenziellen Fettsäuren Linolsäure und α-Linolensäure. Sie sind notwendige Vorläufer der LC-PUFA Arachidonsäure (ARA), Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA).

Kohlenhydrate, meist im Getreide, Gemüse und den Früchten, sollten im Alter von 6–12 Monaten ca. 45–55% des Energiebedarfs decken.

Proteine

Um den Proteinbedarf sicher zu decken, empfehlen die D-A-CH-Referenzwerte eine tägliche Proteinzufuhr von 1,3 g/kg Körpergewicht (KG) bei 4–6 Monaten und 1,1 g/kg KG für 6–12 Monate. Eine zu hohe Proteinzufuhr im 1. Lebensjahr ist mit einem erhöhten Risiko einer Adipositas im späteren Leben verbunden. Schon der Proteingehalt der Beikost bzw. später der Familienkost liegt deutlich über den Bedürfnissen der meisten Kinder. Falls statt Stillen eine Säuglingsnahrung gefüttert wird, sollte deren Proteingehalt einem der Muttermilch vergleichbaren Nährstoffprofi l entsprechen. Der Proteingehalt einer Folgenahrung sollte deshalb nicht über 2,5 g/100 kcal liegen, aber nicht unter 1,65 g/100kcal.

Flüssigkeit

In den ersten 6 Lebensmonaten benötigt der Säugling keine zusätzliche Flüssigkeit. Muttermilch bleibt wichtiger Bestandteil der Nahrung. Ist Stillen nicht mehr möglich, soll eine Säuglingsanfangsnahrung – nach dem 6. Lebensmonat auch Folgenahrung – angeboten werden. Mit der Einführung der Beikost wird für Säuglinge zwischen 6–12 Monaten eine Trinkmenge von 800–1000 ml pro Tag empfohlen. Die zusätzliche Menge soll als Leitungswasser oder ungesüßter Kräuter- bzw. Früchtetee angeboten werden; am besten im Becher oder aus einer Tasse.

Eisen und Zink

Im Alter von 6–24 Monaten haben Säuglinge und Kleinkinder wegen des raschen Wachstums einen Eisenbedarf, der höher liegt als in anderen Lebensabschnitten. Die notwendige Versorgung soll durch eine eisenreiche Nahrung erfolgen; geeignet sind Fleischprodukte, eisenangereicherte Säuglingsmilch, eisenhaltige Früchte und Gemüse. Auch der Zinkbedarf kann nicht mehr über die Muttermilch alleine gedeckt werden. Mit Fleisch in der Beikost oder dem Zinkgehalt in der Säuglingsmilch lässt sich die ausreichende Versorgung sichern.

Nahrungsvielfalt

Nahrungspräferenzen können durch die Art und Zusammensetzung der Beikost beeinflusst werden. Sie prägen spätere Essgewohnheiten und die langfristige gesundheitliche Entwicklung. Mit Einführung der Beikost soll der Säugling alle Geschmacksrichtungen und eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensmittel kennenlernen. Das wiederholte Anbieten von Lebensmitteln ist ein wichtiger Faktor für die Einführung einer vielseitigen Beikost.

Reflux

Wiederholtes Spucken des Säuglings, vor allem nach dem Füttern, beunruhigt häufig junge Eltern.

  • Das unwillkürliche Zurückfließen von Mageninhalt in die Speiseröhre, als gastroösophagealer Reflux (kurz: GÖR) bezeichnet, tritt im Säuglingsalter bei der Mehrzahl der Babies auf.

  • Tatsächlich ist das spontane Erbrechen, etwa der plötzliche Schwall nach dem Trinken, ob an der Brust oder mit dem Fläschchen, nichts Ungewöhnliches – und kein Krankheitszeichen. Meist hilft schon ein kurzes Aufstoßen – das sattsam bekannte „Bäuerchen“ – und ein Spucktuch für alle Fälle.

  • Ganz anders dagegen die Refluxkrankheit, die mit unterschiedlichen Symptomen und Komplikationen assoziiert ist. Sie stellt ein ernsthaftes Problem dar, das zu vermehrtem Schreien, Dysphagie und Gedeihstörungen führen kann. Eine sichere Abklärung und Differenzialdiagnose ist nicht einfach.

Schreiendes Baby Reflux ist zunächst ein ganz normaler Prozess, der bei gesunden Säuglingen, bei Kindern und Erwachsenen auftritt. Die meisten Säuglinge haben kurze Perioden, in denen sie Muttermilch bzw. Säuglingsnahrung über den Mund oder die Nase spucken. Solch einfacher Reflux stört die Babies normalerweise nicht, führt nicht zu lang andauernden Komplikationen und erfordert auch keine Behandlung.

Etwa die Hälfte aller gesunden 3 bis 4 Monate alten Säuglinge erbrechen mindestens einmal täglich. Dies ist entwicklungsphysiologisch bedingt. Ursache ist das nur geringe Fassungsvermögen der Speiseröhre in den ersten Lebensmonaten. Gestillte und Formula-ernährte Kinder zeigen ungefähr die gleiche Häufigkeit, obwohl die Dauer der Reflux-Episoden, gemessen durch pH-Proben, bei den gestillten Babies kürzer sein kann.

Symptome und Komplikationen des GÖR, die zu einer GÖRK führen

Allerdings besteht die Möglichkeit einer ernsthaften Erkrankung. Die klare Abklärung ist gerade im Säuglingsalter nicht immer einfach, da hier Symptome und Therapiewirkung nicht eindeutig sind. Die klinische Symptomatik einer GÖRK (= gastroösophageale Refluxkrankheit) beim Säugling unterscheidet sich von derjenigen des Klein- bzw. Schulkindes. Zudem besteht zwischen dem physiologisch bedingten GÖR (= gastroösophagealer Reflux) und der schweren GÖRK klinisch als auch morphologisch ein Zusammenhang, der eine klare Abgrenzung erschwert.

  • GÖR und GÖRK lassen sich diagnostisch schwer differenzieren

  • Gleichzeitig auftretende Störungen, z.B. Nahrungsmittelallergien, erschweren die Diagnose

  • Medikamentöse oder chirurgische Maßnahmen sollten nur für besonders schwere, persitierende Fälle gewählt werden.

Experten-Interview

Interview Sibylle Koletzko

4/2016

Refluxabklärung – physiologisch oder pathologisch?, Leitlinien und Empfehlungen, Das Experten-Interview, GÖRK und Kuhmilcheiweißallergie, Wirkung von Hydrolysat und Probiotika

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